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Der Straßenräuber mit Namen Fingerkette


Es geschah zu einer Zeit, als der Buddha noch lebte. Da er keine feste Bleibe hatte, zog er zusammen mit seinen Schülern im Land umher und wo es ihm gefiel, da machte er Halt. Eines Tages kam er in das Reich des Königs Pasenadi. Seine Begleiter waren von der anstrengenden Reise ziemlich erschöpft und freuten sich darauf, in einem schönen kleinen Wäldchen Rast zu machen. Dem Buddha allerdings war nicht nach Ausruhen  zu Mute. Mit seinem Weisheitsblick hatte er erkannt, dass sich ein sehr  schlimmes Unglück ereignen würde, wenn er nicht in letzter Minute eingreifen konnte.
Er wandte deshalb seine übernatürlichen Kräfte an und war von einem Augenblick auf den nächsten in dem wilden, undurchdringlichen, dunklen Jalini-Wald, der 30 Meilen weit von dem Rastplatz seiner Schüler entfernt war.

Es gab dort nur eine einzige Straße, und auf dem war gerade eine Frau unterwegs. Sie suchte ihren Sohn Ahimsaka, den sie lange nicht mehr gesehen hatte. Man hatte ihr gesagt, dass er sich in diesem Wald aufhielt und dass er von den Menschen als brutaler Mörder gefürchtet war, dem sie den Namen Angulimala, das heißt Fingerkette gegeben hatten. Denn um seinen Hals baumelte eine Girlande von 999 Fingern. Er  überfiel alle, die durch den Jalini-Wald kamen, tötete sie, schnitt ihnen den kleinen Finger der rechten Hand ab und reihte ihn als Glied in der Kette ein. Heute wollte er den 1000sten Finger erbeuten und seine Kette vollenden. Sein Lehrer an der Universität hatte ihm nämlich versprochen, dass er seinen Studienabschluss bekäme, wenn er ihm eine tausendfingrige Kette bringen würde. Doch diesen letzten Mord wollte seine Mutter verhindern und versuchen, ihren Sohn von seinem falschen Weg abzubringen.

Im Gebüsch versteckt lauerte Angulimala und hielt Ausschau nach seinem letzten Opfer. “Schade, dass es meine Mutter ist, die ich als Letzte töten muss”, dachte der Fingerabschnei der, als er sie auf der Straße entlang kommen sah. “Aber ist ja auch egal, wer es ist, Hauptsache ich bekomme meine Kette voll.”
Ein grausames Lächeln spielte um seinen Mund, als er seinen Bogen spannte und einen Pfeil einlegte. Den wollte er seiner Mutter mitten ins Herz schießen, ihr den  Finger abschneiden und mit seiner tausendfingrigen Kette sofort nach Takkasila zur Universität eilen!

Er kniff das eine Auge zu, zielte auf das Herz seiner Mutter und wollte den Pfeil gerade  losschnellen lassen - da schob sich plötzlich ein anderer Mensch zwischen Angulimala und die alte Frau. Verärgert ließ der Mörder seinen Bogen sinken. “Wo kommt denn dieser Mönch plötzlich her?”, schimpfte er. Doch dann besann er sich eines Besseren: “Eigentlich kommt er wie gerufen”, freute er sich. “Wenn ich ihn töte, kann ich seinen Finger als 1000sten nehmen und meine Mutter bleibt am Leben.” Er hob erneut den  Bogen und versuchte auf das Herz des Mannes zu zielen. Doch es gelang ihm nicht. Denn dieser blieb einfach nicht stehen, sondern bewegte sich mal hierhin, mal dorthin. Also beschloss Angulimala, ihn mit seinen  bloßen Händen zu erwürgen.

“Na warte, Bürschchen!”, rief Angulimala voller Mordlust. “Gleich habe ich dich!”
Er rannte hinter ihm her und stieß dabei wüste Beschimpfungen aus. Er wollte, dass der Fremde Angst bekam und vor ihm davon lief. Angulimala vertraute nämlich auf seine Kräfte. Bisher hatte er noch jeden bis zur  Erschöpfung vor sich her getrieben. Wenn der Mönch nicht mehr konnte, würde er stehen bleiben, dann wäre es ein Leichtes ihn zu erwürgen.
Doch der Buddha - kein anderer war dieser Mönch - ließ sich von Angulimalas  Geschrei und den Schimpfworten nicht beeindrucken. In aller Ruhe lief er weiter, als ob er einen gemütlichen Spaziergang machen wollte. Fingerkette rannte und rannte, doch der Abstand zwischen ihm und dem Buddha verringerte sich um keinen Meter.
“Komisch!”, dachte der Mörder nach Atem ringend. “Früher war ich schneller als ein  galoppierendes Pferd. Ich konnte sogar einen fliehenden Hirsch einholen. Was ist hier nur los?”
Wie schnell er auch lief, und wie weit er auf der Straße gekommen war, er konnte den Buddha einfach nicht einholen.
“Bleib stehen, Mönch!”, rief Angulimala außer Puste.
“Ich bin schon längst stehen geblieben”, rief der Buddha. “Halte auch du an!”

Angulimala konnte nicht mehr. Er japste nach Luft und hörte auf zu laufen. Sein Herz pochte schnell und laut in seiner Brust, seine Beine zitterten vor Anstrengung, und in seinem Kopf sausten die Gedanken: “Diese Mönche sprechen immer die Wahrheit, sonst wären sie keine Mönche. Also hat er wohl angehalten. Doch warum rennt er dann weiter?”
Er sah keinen Sinn in den Worten des Fremden. Deshalb rief er ihm hinterher: “Was meinst du damit?”
“Genau das, was ich gesagt habe”, antwortete der Buddha freundlich: “Ich bin schon längst stehen geblieben, aber du nicht!”
“Aber das stimmt doch nicht!” Angulimala war nun richtig wütend geworden.  “Das kannst du doch wohl mit eigenen Augen sehen, dass ich derjenige bin, der angehalten hat. Du bist der, der immer noch rennt.”
Da  antwortete der Buddha: “In mir ist Ruhe, Stille, Bewegungslosigkeit, kein Antrieb und Wunsch mehr, wütend zu sein. Du rennst von Ehrgeiz und Mordlust getrieben umher. Ohne nachzudenken und ohne Mitleid bringst du andere um. Du tust es, weil du wie unter Zwang stehst. In mir gibt es keine Zwänge mehr. Deshalb sage ich, dass ich schon seit vielen Jahren angehalten habe, für alle Zeiten.”

Verunsichert blickte Angulimala den Buddha an. Seine Hände zitterten. Er nahm die  Kette mit den 999 Fingern ab und starrte sie an. “ber ich muss doch 1000 Finger bekommen. Erst dann gibt mir mein Lehrer an der Universität mein Abschlussdiplom. Das hat er gesagt. Ich muss es tun! Ich kann doch nicht einfach damit aufhören!”
“Du hast ihm das geglaubt und dann 999 Menschen umgebracht?”, sprach der Buddha mit ruhiger Stimme.
Es war, als ob Angulimala erst jetzt begriff, was er die ganze Zeit getan hatte. “Diese Finger stammen von Menschen, die alle einmal gelebt  haben. Du hast sie getötet. Nur wegen dieser Kette.” Der Buddha stand jetzt neben ihm.
Zutiefst erschrocken über sich selbst stammelte Angulimala:
“A-a-a-ber, das wollte ich nicht. Wirklich nicht!”
“Du hast es dennoch getan.”
Es war, als ob von Angulimala viele, viele Schleier abfielen, die seinen Verstand und sein Herz verdunkelt hatten. “I-i-ihr seid der, von-von  d-d-em die Leute sagen, er sei der Erleuchtete”, stotterte er.
Der Buddha betrachtete ihn schweigend.
“Ihr seid der Erwachte. Ihr seid meinetwegen in den Wald gekommen.” Da fiel die letzte Verdunklung von Angulimala ab.
“Ich hätte meine Mutter getötet, wenn Ihr nicht gekommen wäret”, sagte er und war plötzlich totenbleich geworden.
Noch immer sagte der Buddha nichts.
Da warf Angulimala alle seine Waffen weg und fiel vor dem Buddha auf die Knie.
“Bitte, zeige mir, wie man innerlich anhält. Ich will niemals wieder so unter Zwang stehen, dass ich sinnlos Böses tue. Ich will nie wieder töten!”
“Komm und folge mir”, sprach der Buddha. Er reichte Angulimala die Hand und zog ihn hoch, damit er neben ihm stand. Von da an begleitete Angulimala ihn überallhin und wurde ein treuer Schüler, der nie mehr einem Wesen etwas zu Leide tat.

Diese Geschichte ist ein leicht veränderter Auszug aus dem Kinderbuch von Andrea Liebers “Das Geheimnis des Buddha”, in dem sie dessen Leben spannend nacherzählt. Erschienen ist das Buch  im Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal. Die Bilder stammen von Henrike Will-Spille.

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