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Emil Elefant und das Waldreh Tapi Tapini


von Andrea Liebers

Aus dem Hörbuch/Buch: “Ein Bärenstarker Geist”


Emil Elefant streifte wie so oft durch den dichten Dschungel. Er liebte es, sich zwischen den Sträuchern und Schlingpflanzen hindurchzuzwängen. Das  kratzte so schön auf der Haut! Herrlich! Mit den Stoßzähnen bahnte er sich den Weg und dann trampelte er Schritt für Schritt voran.

“Achtung, Achtung! Pass doch auf, wo du hintrittst, du Riesenelefant! Sonst trampelst du mich tot!”, piepste es von wer weiß woher aus dem Gebüsch. Emil Elefant blieb wie angewurzelt stehen. Jemanden niedertrampeln und zertreten? Er! Niemals!

Suchend sah er sich um. Aber da das Gestrüpp und Gebüsch undurchdringlich dicht gewachsen war, konnte er nirgends etwas entdecken.

 

“Wer hat da Achtung gerufen?”, fragte Emil und stellte seine großen Ohren auf, um genau zu hören, woher die Stimme kam. “Ich, großer Elefant, ich Tapi Tapini, das Waldreh!”, wisperte das Stimmchen. Emil Elefant klappte unwillig mit den Ohren. Er hatte nicht herausbekommen, woher die Stimme kam.
“Und wo bist du im Moment, Tapi Tapini, wenn ich fragen darf?”, brummte Emil und versuchte, mit dem Rüssel das Blätterdach  wegzudrücken, um eine bessere Sicht zu haben.
“Ich befinde mich im Moment so gut wie genau vor deinem rechten Fuß und wenn du einen Schritt weitergehst, dann befinde ich mich darunter!”, erklärte Tapi Tapini, das Waldreh.
“Warum springst du nicht auf und davon?”, wollte Emil wissen.
“Ich kann nicht! Ich bin über einen morschen Ast gestürzt und habe mir das  Bein gebrochen. Es tut so weh!” Emil klappte sich die Ohren zu, um nicht das herzerweichende Schluchzen mit anhören zu müssen. Nach einer Weile klappte er das eine Ohr wieder auf und lauschte.
Stille.
Kein Schluchzen mehr zu hören. Nur die Töne des Urwald brandeten monoton auf und ab.
“Tapi Tapini! Lebst du noch?”, fragte Emil ängstlich. Wenn er nur nicht einen solch massigen Körper hätte, dachte er. Nicht mal vor sein rechtes Bein konnte er schauen, so groß war er.
“Kaum noch!”, wisperte das Waldreh.

“Hast du denn jemand, der dir helfen kann?”, fragte Emil der Elefant jetzt mit aufrichtigem Interesse.
“Nein, niemand! Ich bin ganz allein!” Tapi Tapinis Stimmchen zitterte.

“Dann werde ich dir helfen!”, brummte Emil. “Ein einsames Waldreh lasse ich nicht allein. Das geht über meine Elefantenehre.”
“Oh, vielen Dank, Herr Elefant!” Die Stimme des Waldreh klang schon kräftiger.
“Pass auf: Ich trete jetzt ein paar Schritte zurück, damit ich dich zumindest mal sehen kann. Mit dem linken Bein zuerst”
“Ist gut!” Tapi Tapini biss tapfer die Zähne zusammen. Hoffentlich  stolperte der riesige Elefant jetzt nicht!, hoffte sie inständig.

Emil Elefant ging so vorsichtig wie noch niemals in seinem ganzen Leben einen Schritt nach hinten. Und dann noch einen und noch einen. Danach suchte er den Boden vor sich ab.
Tatsächlich!
Da lag vor ihm auf dem Boden ein winzig kleines Waldreh, so klein war es, dass er es fast  übersehen hätte. “Tapi Tapini! Du bist aber klein!”, rief der Elefant verwundert.
“Und du bist riesengroß!”, antwortete Tapi Tapini vorwurfsvoll.
“Hör zu, hier kannst du nicht bleiben. Ich bringe dich in mein geheimes Waldversteck und passe so lange auf dich auf, bis du wieder gehen kannst!”, sagte der Elefant.
“Das willst du für mich tun?”, dankbar sah Tapi Tapini den großen Elefant an. Vor Rührung wurde Emil sogar ein kleines bisschen rot.
Vorsichtig schlang Emil seinen Rüssel um Tapi Tapinis Bauch und hob das kleine Waldreh hoch. Neugierig schaute Tapi Tapini sich um. Von so weit oben hatte sie noch niemals den Dschungel gesehen. War das aufregend!

Behende lief Emil in sein Geheimversteck in der Nähe eines kleinen Sees. Behutsam setzte er Tapi Tapini ab und säuberte die Wunde am Bein des kleinen Waldrehs. Mit Schmerz stillenden Blättern umwickelte Emil das gebrochene Bein, so dass es wieder gerade zusammen wachsen konnte.
“Nun ruh dich aus, du kleines Reh!”, zärtlich fuhr Emil mit dem Rüssel der kleinen Tapi Tapini über den Kopf. “Damit du schnell wieder gesund wirst!” Emil holte sogar frisches weiches Gras, damit das Waldreh es ganz besonders gemütlich hatte. Und was er noch niemals irgendjemandem erlaubt hatte: Tapi Tapini durfte sich dort hinlegen, wo Emils Lieblingsplatz war.

Das kleine Waldreh rollte sich zusammen. Sicher und geborgen fühlte es sich unter der Obhut des Elefanten. Es schloss die Augen und war auch sofort eingeschlafen.
“Ich muss auf die Kleine aufpassen!” Emil dachte an all die giftigen Schlangen, an die Skorpione und nicht zuletzt die Tiger, Panter und Löwen, die der kleinen Tapi Tapini etwas zuleide tun könnten. Emil schaute sich um. Da sah er seine fünf Elefantenfreunde kommen.  “Müssen die ausgerechnet heute kommen!” Emil ließ bekümmert seine großen Ohren und den langen Rüssel hängen. Da standen sie schon vor ihm:  “Hallo, Emil! Hast du Lust mit uns über die Savanne zu laufen?”
“Nein, ich bin heute zu müde!”
“Was? Zu müde? Was es nicht alles gibt!”

“Emil ist müde! Du bist du echt eine Heulsuse Emil! Das hätten wir nicht von dir gedacht!”

Sie ließen ihn stehen und setzten sich in Trab.

Am nächsten Tag kamen sie wieder. Emil stellte sich schützend vor den Schlafplatz des kleinen Waldrehs. “Na, Emil, fühlst du dich heute besser?”
“Ja, danke der Nachfrage!”, antwortete Emil.
“Wir wollen heute in das Wasserloch zum Plantschen. Kommst du mit?”
“Nein, danke!”, antwortete Emil. “Ich hab keine Lust.”

“Bist du etwa wasserscheu?” Skeptisch schauten die fünf ihn an.
“Du bist ein Spielverderber Emil!”, riefen sie. “Emil ist wasserscheu! Emil ist wasserscheu! Tschüß, du Prinzessin auf der Erbse!”

Wütend sah Emil ihnen nach. Er und wasserscheu! Er war der wasserliebendste  Elefant, den es gibt! Für einen kurzen Moment dachte Emil daran, ihnen nachzulaufen und sie im Wasserloch zu bespitzen, bis sie nicht mehr  wüssten, wo oben und wo unten ist. Aber als sein Blick auf das kleine schlafende Waldreh fiel, vergaß er den Gedanken schnell.
Lieber als wasserscheu gelten als die kleine Tapi Tapini alleine lassen!, sagte er sich und ging weiches Gras holen, damit Tapi Tapini, wenn sie aufwachte, etwas Gutes zu fressen hätte.

Tapi Tapinis Wunde schmerzte sehr. Die Heilung ging nicht so schnell voran, wie Emil gedacht hatte.

Nach ein paar Tagen tauchten die fünf Elefanten wieder auf. “Na, Emil, ausgeschlafen?” Sie schauten ihn grinsend an.
“Hat unser Emil heute schon sein Schönheitsschläfchen hinter sich gebracht?”, fragte der eine Elefant.
“Unser Emil sieht so müde aus, ich glaube nicht, dass er mit uns durch den  Dschungel marschieren kann!”, sagte ein anderer Elefant.
“Kommst du  mit uns in den Dschungel, Emil, oder traust du dich nicht?” “Hast du  vielleicht Angst?” “Wir beschützen dich, keine Bange!”

Emil trat  Schweiß auf die Stirn. Am liebsten würde er sie anschreien oder verhauen. Aber das durfte er Tapi Tapini nicht zumuten. In dem Getümmel  würde womöglich einer der Elefanten auf das kleine Waldreh treten.

“Lasst mich doch in Ruhe!”, sagte Emil und wandte ihnen seinen breiten Rücken zu.

“Emil ist ein Angsthase! Emil ist ein Angsthase!”, sangen die fünf Elefanten fröhlich, während sie durch den Urwald brachen.
Unglücklich starrrte Emil Tapi Tapini an. Wenn ihre Wunde nur schneller heilen würde!
“Tut mir leid, Emil!” Tapi Tapini sah sehr traurig aus. “Ich bin an allem Schuld!”
“Lass nur, Tapi. Die wissen es nicht besser!”
Es wurmte Emil schon, dass sie ihn einen Angsthasen genannt hatten. Das war das Schlimmste, was man zu einem großen starken Elefanten sagen konnte. Und Emil war ein großer starker Elefant. Doch im Moment kam es mehr auf innere Stärke an als auf äußere, das erkannte Emil plötzlich, als er Tapi ansah.

“Hoffentlich lassen sie uns jetzt eine Weile in Ruhe!”, flehte Emil Elefant und wechselte Tapis Verband. Das sah immer noch schlecht aus. Einige Wochen würde es schon noch dauern, bevor Tapi wieder laufen konnte.

Schließlich war es soweit: Tapi konnte wieder gehen. Emil und Tapi Tapini waren inzwischen die besten  Freunde geworden. Das kleine Waldreh stolzierte gerade munter auf Emils Rücken herum, auf den er es mit seinem Rüssel gehoben hatte, als sie das laute Trompeten der fünf Elefanten hörten.
“Meine Güte, die kommen schon wieder!”, stöhnte Emil.
“Soll ich schnell von deinem Rücken runterspringen?”, fragte das kleine Waldreh unsicher.
“Damit du dir das andere Bein brichst?”, fragte Emil zurück. “Nein, nein, du bleibst schön da oben. Die werden Augen machen!”

In schnellem Lauf durchbrachen die fünf Elefanten den Dschungel. Sie waren ziemlich ausgelassener Stimmung und machten einen Witz nach dem anderen. Als sie Emil erreicht hatten und das kleine Waldreh auf seinem  Rücken sahen, verschlug es ihnen die Sprache.
“Du, du, du hast da was auf dem Rücken, Emil”, stotterte der erste Elefant.
“Ich, ich, ich glaube, es ist ein Waldreh, das du da auf dem Rücken hast!”, stotterte der zweite Elefant.
“Wie, wie ko-o-ommt das dahin?”, fragte der dritte Elefant.
“Vielleicht i-i-st es vom Baum gefallen?”, fragte der vierte Elefant und die vier anderen brachen in trompetendes Gelächter aus.
“Wir können dir gerne helfen, das lästige Vieh von deinem Rücken runterzuholen!”, schlug der fünfte Elefant vor, der seine Fassung  wiedererlangt hatte.
“Genau! Mit meinem Rüssel kann ich das Tier leicht von seinem Rücken wischen. Ich habe sowieso den längsten Rüssel von uns allen!”, rühmte sich der dritte Elefant.
“Und dann jagen wir es durch den Wald, bis es nicht mehr kann!”, schlug der erste Elefant vor.
“Kommt überhaupt nicht in Frage!” Emil stellte seine Riesenohren ab, so dass er ganz gefährlich aussah.
Verdutzt sahen die fünf ihn an. Was war in ihn gefahren? Sonst war Emil doch für jeden Spaß zu haben gewesen.
“Tapi Tapini ist meine neue Freundin, und wir beide gehen jetzt baden!”
Emil drehte sich um und trabte mit Tapi Tapini auf dem Rücken zum Wasserloch.

Die fünf schauten sich verblüfft an. “Ob er uns nicht mehr mag, nur weil wir Angsthase zu ihm gesagt haben?”, jammerte der vierte Elefant.
“Wir laufen zum Wasserloch und bitten ihm um Entschuldigung!”, schlug der zweite Elefant vor.

Mit gesenkten Rüsseln und herunterhängenden Ohren machten sie sich langsam zum Wasserloch auf. Die Freundschaft mit Emil wollten sie sich auf keinen Fall verscherzen. Hoffentlich hatten sie es noch nicht zu weit  getrieben.

Am Wasserloch angelangt, staunten die fünf nicht schlecht, als sie Emil fröhlich im Wasser stehen sahen. Das kleine Waldreh stand immer noch auf seinem Rücken. Emil bespritze es mit seinem Rüssel. Beiden schien das einen Riesenspaß zu machen, denn sie kicherten unaufhörlich.

Die fünf Elefanten sahen Neid erfüllt zu. So eine winzige Spielgefährtin hätten sie auch gern, mit der man so  schön kichern konnte.

“Dürfen wir mitspielen?”, fragten die fünf Elefanten kleinlaut.
“Hm!” Emil Elefant überlegte. Tapi Tapini flüsterte ihm etwas in sein Riesenohr. Prüfend schaute Emil seine fünf Freunde an. “Wenn ihr mir versprecht, gut aufzupassen, dass Tapi Tapini nichts passiert, dann dürft ihr mitspielen!”


Vorsichtig näherten sich die fünf dem Wasserloch.  “Danke, Emil!”, sagten sie und fingen schüchtern an, sich gegenseitig vollzuspritzen. Nach und nach löste sich die verkrampfte Stimmung und von weither schon konnte man das fröhliche Lachen von sechs Elefanten hören und mitten unter ihnen das lustige Kichern des Waldrehs.

Die Bilder wurden von Schülern der 1. und 2. Klasse aus Hüffenhardt gemalt
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