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Erziehung im Buddhismus



von Geshe Thubten Ngawang

Im Rahmen des Interreligiösen Dialogs hielt Gehe Thubten Ngawang im Mai diesen Jahres im Tibetischen Zentrum einen Vortrag über die Erziehung von Kindern aus der Sicht des Buddhismus:

Das Thema soll heute "Die Erziehung aus der Sicht des  Buddhismus" sein. Ich bin mir darüber bewusst, daß zum Thema Pädagogik schon viel gearbeitet worden ist, sowohl von wissenschaftlicher Seite als auch von Seiten der Erzieher und Erzieherinnen, die eben täglich damit zu tun haben. So frage ich mich, ob ich überhaupt noch etwas zu dem bereits Bekannten hinzufügen kann, da ich mich nicht als großer Experte in dieser Frage  ansehe.


Der Geist muß zur Ruhe kommen

Grundsätzlich ist es so, dass Tugenden und gute Eigenschaften im Geist nicht plötzlich entstehen wie ein Regenbogen am Himmel. Vielmehr muss jemand von klein auf daran gewöhnt werden, diese Tugenden zu entwickeln, sonst werden sie kaum entstehen. Eine entscheidende Fähigkeit, die wir gerade in unserem Jahrhundert entwickeln sollten, ist  den Geist ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen und etwas entspannter zu werden; denn wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Informationen von außen auf uns eindringen. Nachrichten über fremde Länder und fremde Verhältnisse haben zwar auch ihre Vorteile, doch manche dieser Informationen sind vielleicht zu viel oder auch überflüssig, so dass der Geist des einzelnen unruhig wird und seinen Halt zu verlieren droht. Im Gegensatz zu dem  Anwachsen der Informationsfülle wurden Fähigkeiten wie Geduld, Mitgefühl oder Liebe nicht gleichermaßen weiterentwickelt. Diese Eigenschaften treten immer mehr in den Hintergrund. Ich denke, dass es wichtig ist, von klein auf eine entspannte Geisteshaltung zu erlernen. Dies zu vermitteln, ist die Aufgabe der Eltern, der Kindergärtnerinnen und  Kindergärtner sowie der Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen. Es  besteht kein Zweifel daran, dass das Lernen des Wissens über die äußere Welt wichtig ist. Aber darüber hinaus ist es gewiss auch wichtig, die  inneren Qualitäten des Kindes im gleichen Maße zu entwickeln und zu fördern.


Zeigen Sie Ihre Betroffenheit über Gewalt und Leid

Es ist so, dass die Kinder noch nicht viele Erfahrungen über die Geschehnisse in der Welt besitzen. Werden sie beispielsweise mit den Dingen, die im Fernsehen gezeigt werden, wie Gewalt und Streit, konfrontiert, überfordert sie das doch sehr stark, und ihr Geist wird  eher Schaden als Nutzen nehmen. Ich selbst empfinde vieles, was im Fernsehen dargestellt wird, als beunruhigend oder verwirrend. Wenn man es einige Zeit auf sich wirken lässt, wird man selbst als Erwachsener ganz nervös und unruhig. Man sollte sich bewusst machen, dass das, was im Fernsehen gezeigt wird, häufig nicht aus der reinen Motivation heraus geschieht, die Lebewesen, wie ein Bodhisattva, zum Glück führen zu wollen. Vielmehr wird vieles recht gewissenlos dargestellt, nur um bestimmte Marktanteile oder Einschaltquoten zu erreichen. Wenn die Eltern oder Erwachsene allgemein zusammen mit Kindern fernsehen und beispielsweise beobachten, wie Menschen verletzt werden oder andere Schwierigkeiten erleiden, sollten sie dem Kind deutlich machen, dass es sich um Menschen wie sie selbst handelt, die glücklich sein und nicht leiden wollen, die  wie sie nicht einmal einen Hautausschlag haben möchten, geschweige denn getötet oder anderweitig verletzt werden wollen. Erwachsene sollten den  Kindern das Ausmaß des Schadens deutlich machen. Das Gezeigte sollte nicht einfach als etwas Normales oder Natürliches hingenommen werden;  vielmehr sollte man den Kindern deutlich zeigen, wie betroffen man selbst ist. Wir alle wissen, was in diesem Jahrhundert in der Welt passiert ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es in Ländern, in denen z. B. der Kommunismus geherrscht hat, teilweise so weit kam, dass kein Unterschied gemacht wurde zwischen Gemüse - mit dem man machen  kann, was man will - und fühlenden Wesen. Der Unterschied zwischen einem Stein und einem Lebewesen wurde oder wird oft nicht mehr deutlich. Deshalb sollte man den Kindern, wann immer solche Zustande dokumentiert  werden, zeigen, wie betroffen man darüber ist, und es nicht unkommentiert lassen.

Dazu gehört auch, nach Möglichkeit zu verhindern, dass Kinder mit Waffen spielen, seien sie aus Holz oder Plastik, geschweige denn mit richtigen Waffen. Auch das Malen von Waffen und Gewalt sollte möglichst vermieden werden, weil dadurch eine Gewöhnung an den Umgang damit entsteht. Wir haben vielleicht die Tendenz zu denken, es sei nicht so schlimm, wenn ein Kind Waffen malt, es sind ja keine wirklichen Waffen. Aber es ist die Natur des menschlichen Geistes, dass das Interesse wächst, wenn man sich auf diese Weise mit etwas beschäftigt. So wird aus der anfänglichen Zeichnung eine  selbstgebastelte Waffe aus Plastik oder Holz, dann bekommt es vielleicht eine Spielzeugwaffe aus Metall, und schließlich hat es Interesse an einer echten Waffe. Wenn Kindern von klein auf deutlich wird, dass das Leben eines Menschen das Wertvollste ist, was es gibt, dass es keinerlei Rechtfertigung gibt, Menschen zu schädigen, und der Gebrauch von Waffen etwas sehr Ungutes ist, ist dies sehr hilfreich und nützlich. Die  Gewöhnung an die Gewalt in der Welt ist sehr stark. So sehen wir zum  Beispiel, dass die Regierenden mit leichter Hand irgendwelche Erlasse unterzeichnen, in deren Folge Kriege geführt werden und viele Menschen ihr Leben lassen müssen. Fragt man die Verantwortlichen, was sie taten, nachdem sie ihre Unterschrift geleistet hatten, so gingen sie vielleicht anschließend ins Bad, um sich frisch zu machen und etwas für ihre  Gesundheit zu tun. So besteht eine große Diskrepanz zwischen der Wertschätzung des eigenen Lebens und dem der anderen, das oft völlig  missachtet wird.


Nicht so viele neue Wünsche und Begierden wecken

Darüber hinaus ist es wichtig, dass gerade heutzutage bei den Kindern nicht zu viele neue Wünsche und Begierden geweckt werden. Dies geschieht vor allem über die Medien, die Werbung, aber es kommt auch auf das Verhalten der Erwachsenen an. Es ist wichtig, dass die Eltern durch ihr eigenes Verhalten deutlich machen, dass man sich nicht alle Wünsche sofort erfüllen kann und es Mühe und Zeit kostet, bestimmte Dinge zu  realisieren. Wenn die Eltern in dieser Weise verfahren, wird es auch dem Kind deutlich werden. Das Kind muss schwierige Studien durchführen, und auch später bei der Arbeit muss man große Schwierigkeiten auf sich nehmen, um sich seine Wünsche erfüllen zu können. Wenn man von klein auf zu große Wünsche und Ansprüche hat, wird es einem später, wenn man mit der Wirklichkeit konfrontiert wird, sehr schwer fallen, seine Wünsche in Grenzen zu halten. Im Buddhismus spricht man von falschen  Vergegenwärtigungen, die der Ursprung von vielen anderen Fehlern sind. Übertriebene Wünsche gehören in die Kategorie der falschen Vergegenwärtigungen der Wirklichkeit; wenn man diese im Geist hat, fällt es einem sehr schwer, sich auf förderliche Dinge wie Studien oder andere Arbeiten zu konzentrieren, und deshalb sind sie sehr schädlich.


Wichtig sind Liebe, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Vernunft und Geduld

Andere Eigenschaften, die Kinder von klein auf lernen sollten, sind Liebe und  Mitgefühl. Das ist das Allerwichtigste. Wenn man sich von Anfang an solche Eigenschaften angewöhnt, werden sie sich auch später im Leben durchsetzen. Andere werden sich vielleicht sogar ein Beispiel daran nehmen, und so entsteht langsam eine gewisse Tradition der Entwicklung  positiver Eigenschaften und Tugenden. Und so haben wir berechtigte Hoffnung, dass diese Eigenschaften eines Tages wieder eine wichtigere  Rolle in der Gesellschaft spielen werden.

Eine andere  Eigenschaft, die es zu entwickeln gilt, ist die Aufrichtigkeit. Es ist  wichtig, auf die Vernunft zu hören und nicht nur auf die eigenen Wünsche. In der Schule lernt man, Begründungen anzuwenden und seine Vernunft zu gebrauchen, und genau diese sollte man dann auch im Leben  anwenden, wenn es darum geht, Fragen zu beantworten. Es ist wichtig, diese in der Schule im Ansatz erworbenen Fähigkeiten zu Hause weiter  auszubauen. Das heißt, dass die Eltern sich darum kümmern müssen, was das Kind gelernt hat, und versuchen sollten, zu Hause daran weiterzuarbeiten. Es ist schon deshalb die Aufgabe der Eltern, weil ja die Lehrer nicht mit den Kindern zusammenwohnen. In diesem Kreis ist schon öfter angesprochen worden, dass man unterscheiden kann zwischen der Kultur des Verstandes, oder sagen wir auch des Gehirns, und der des  Herzens. Es ist sehr wichtig, dass man sozusagen das mit dem Verstand  Gelernte auch in das Herz herabsinken lässt, so dass man das Gelernte, wenn es dort ankommt, auch praktizieren kann. Bei einer Studie, die in Indien unter Exiltibetern gemacht wurde, untersuchte man Kinder, die einerseits in eine Schule in der Nähe des Wohnortes der Eltern und  andererseits in ein Internat gingen. Es zeigte sich, dass von den letzteren zwar mehr an Bildungsstoff oder Inhalten gelernt wurde, die  Schüler in der Nähe ihres Elternhauses jedoch, was die Kultur insgesamt angeht, in der Regel eindeutig höhere Fähigkeiten besaßen als die Internatskinder. Die Eltern spielen eine noch größere Rolle als die Lehrer. Sie sollten sich dessen bewusst sein und ihren Kindern die Eigenschaft der Aufrichtigkeit von klein auf vermitteln.

Eine weitere wichtige Eigenschaft, die es aus buddhistischer Sicht zu entwickeln gilt, ist die Fähigkeit des Ertragens bzw. der Geduld. Auch diese sollte von klein auf gestärkt werden, so dass sie, wenn man erwachsen geworden ist, in gleichem Maße angewachsen ist. Ohne diese Fähigkeit wird man im Leben überhaupt nichts erreichen können. Es ist ja nun mal so, dass immer wieder Schwierigkeiten im Leben auftauchen, dass man beispielsweise eine Prüfung machen muss und diese nicht besteht oder nicht so gut besteht, wie man gehofft hatte. Später muss man sich dann eine Arbeit suchen und bekommt vielleicht nicht die, die man sich gewünscht hat und so weiter. In solchen Momenten erscheint es einem  häufig so, als sei man der einzige Mensch auf der Welt, der solche Probleme hat und diese Schwierigkeiten ertragen muss, aber so ist es ja  bekanntlich nicht. Entwickelt man frühzeitig die Eigenschaft des Ertragens bzw. der Geduld, so wird man diese schwierigen Situationen besser durchstehen können.

Es gibt nach den buddhistischen  Schriften die verschiedensten Arten von Geduld. So gibt es die Geduld, die sich darin besteht, dass man Probleme, die von außen auf einen  zukommen, wie Krankheiten und ähnliches, willentlich erträgt. Und es gibt z. B. eine Form der Geduld, bei der man schädigende Einflüsse durch andere Personen ruhig annimmt und ohne Wut reagiert. Wenn man darüber nachdenkt, dass viele andere Menschen unter ähnlichen Problemen leiden wie wir selbst, fällt es uns leichter, die jeweilige Situation  durchzustehen. Schließlich wird man über die Situation hinwegkommen und  gleichermaßen eine größere Geisteskraft entwickelt haben, Wenn man große Wirkungen erzielen will, sei es im Studium oder in der Ausübung einer Religion, muss man lernen, über Hindernisse hinwegzukommen. So viel zur Geduld oder zur Entwicklung der Fähigkeit des Ertragens.


Fragen und Antworten

Frage: Ich denke, dass es irgendwo auch Grenzen der Geduld gibt, dass man dann mit der Aufrichtigkeit in Konflikt kommt. Heißt es, wenn man die Fäigkeit des Ertragens entwickelt hat, dass man dann alles mit sich machen lässt, wo liegt da die Grenze?

Antwort: Geduld heißt nicht, dass man gar nichts tut oder keine Aktivität zeigt. Wenn man eine schwierige Situation mit guten, friedlichen Mitteln verändern kann, sollte man das auf jeden Fall tun. Wenn es nicht möglich ist, sollte man diesen Moment mit dem Gedanken ertragen, dass der momentane Schädiger uns nicht immer schadet, er ist nur zur jetzigen Zeit ein Schädiger und kann sich auch wieder wandeln und in Zukunft sogar mein bester Freund werden. Er ist kein aus sich selbst heraus bestehender, immer währender  Schädiger.

Frage: Wie ist die Sicht bei Kindern ohne Eltern, bei Kindern aus geschiedenen Familien, weil bisher ja von einem relativ heilen Bild ausgegangen wurde.

Antwort: Wahrscheinlich wird die Kraft des Ertragens bei Kindern, die schon von klein auf so viele Schwierigkeiten ertragen mussten, größer sein. Zu dem Begriff von Liebe und Mitgefühl möchte ich noch folgendes sagen: Oft werden diese Worte in der westlichen Welt anders verwendet als im Buddhismus oder in der  Religion allgemein. Bei Liebe und Mitgefühl handelt es sich um Einstellungen, die nichts mit Begierde zu tun haben. Vielmehr handelt es sich dabei um den Wunsch, dass andere Personen Glück erlangen und Leiden vermeiden mögen, unabhängig davon, ob sie einem in irgendeiner Weise nahestehen, einem vertraut sind oder einem etwas Gutes getan haben oder nicht. Darauf kommt es bei dieser Einstellung überhaupt nicht an. Es reicht einfach die Begründung, dass es sich um ein fühlendes Lebewesen handelt, das Glück erlangen und kein Leid erfahren möchte, um den Wunsch zu entwickeln, dass diesem Lebewesen das gewünschte Glück zukommen und  kein Leid geschehen möge.
Aber zurück zur eigentlichen Frage. Es ist meiner Meinung nach nicht so wichtig, ob es die Eltern sind, die sich um das Kind kümmern oder irgendwelche anderen Menschen, die die  Verantwortung übernommen haben. Sehr wichtig hingegen ist, dass die Verantwortlichen die Einstellung entwickeln, dass das Kind das Wesentliche ist. Vielleicht ist es manchmal so, dass einem Blumen oder ähnlich schöne Dinge wichtiger sind als die Menschen, mit denen man zu tun hat. Das wirklich Wichtige ist das fühlende Lebewesen oder hier der  Mensch, das Kind, mit dem man zu tun hat und von dem man hoffen kann,  dass es etwas Gutes lernt, und sich dabei positiv entwickelt und somit  für die Allgemeinheit von Nutzen sein kann. Wenn sich ein Mensch wirklich zu einem guten Menschen entwickelt, dann beeinflusst er auch die Gesellschaft entsprechend positiv. Dafür muss man nicht unbedingt einen machtvollen Posten in der Gesellschaft einnehmen. Selbst wenn man einer ganz normalen Arbeit nachgeht, steht man bereits in Beziehung zu vielen Menschen und die eigene Einstellung wird sich entsprechend auswirken. Der Nutzen für die Gesellschaft entsteht aus der Summe vieler einzelner nützlichen Taten. Eine Person allein wird nicht in der Lage sein, die gesamte Gesellschaft zum Positiven zu verändern.

Frage: Das Thema dieser Veranstaltung heißt ja nicht: Wie werde ich ein sinnvolles  Mitglied der Gesellschaft?, sondern: Wo findet Erziehung zum  Religiösen statt? Es geht um die Vermittlung von Religion, und dieses spezifische Element habe ich in dem Vortrag bisher vermisst.

Antwort: Ich habe mich darauf bezogen, wie Erziehung ganz allgemein aussehen sollte und mich nicht speziell zur Erziehung zur Religion geäußert. Wenn Sie jetzt fragen, wie man überhaupt den Wunsch fördern kann, sich mit Religion zu beschäftigen, so ist es wohl so, dass man die Grunderfahrung  machen muss, dass die gewöhnlichen Mittel des täglichen Lebens allein nicht ausreichen, Glück zu erreichen und Leid zu vermeiden. Daraus resultierend wird man nach einer anderen Methode suchen, die weitgehender und tiefgründiger ist, und sich vielleicht für Religion interessieren, die darin beschriebenen Mittel anwenden und beispielsweise bei Interesse für die christliche Religion Kontakt zur  Kirche aufnehmen, zu entsprechenden Priestern oder Pfarrern. Im  Buddhismus ist es so, dass man sich auf den Weg macht, einen Lehrer zu finden, hier im Westen z. B. in einem buddhistischen Zentrum. Der Lehrer muss nicht unbedingt ein großer Heiliger oder Bodhisattva sein. Das  Wichtige ist, dass er oder sie das Wissen und die Fähigkeit besitzt,  Religion zu vermitteln.
Man sollte sich bewusst sein, dass die Anweisungen unserer Lehrer und Religionsstifter nicht allein dafür bestimmt sind, niedergeschrieben und als Buch veröffentlicht zu werden,  sondern dies nur ein Mittel zum Zweck der praktischen Ausübung ist -  ganz gleich, ob jemand Moslem, Christ oder Buddhist ist. Auch Iman Razwi hat dieses bei den Dialogen bereits öfter betont. Vor allem, als wir uns über Mystik unterhielten, sagte er, dass man sein Wissen nicht nur im Verstand oder Gehirn haben sollte, sondern dieses auch langsam im Herzen ankommen und dort entwickelt werden muss. Wir können daraus  entnehmen, dass es nicht die Hauptabsicht der Religionsgründer war, das trockene Wissen aus den Schriften zu vermitteln und zu verbreiten. Das Wesentliche war und ist vielmehr, dass diese Lehren ausgeübt werden. Was das Erlernen der Religion im alten Tibet angeht, so lernten die Kinder das Praktizieren der Religion von den Eltern, wobei sich dieser Teil meist auf Äußerlichkeiten beschränkte, zum Beispiel wie man in einen  Tempel geht, wie man dort die entsprechenden Verehrungen gegenüber den Buddhas zeigt usw, Eventuell lernten sie auch einige Gebete von den Eltern. Wenn sie jedoch tiefer in die Religion eindringen wollten, wurden sie meistens Mönche oder Nonnen und studierten in einem Kloster. Heutzutage im Exil erhalten die Kinder in den tibetischen  Flüchtlingsgemeinden auch in der Schule Religionsunterricht. Allgemeinbildende Schulen hat es in dieser Form in Tibet nicht gegeben.

Frage: Ich hätte gerne noch etwas Genaueres über die Religionserziehung von Kindern innerhalb und außerhalb der Klöster erfahren.

Antwort:  Die Religionserziehung in den Klöstern ist Thema der nächsten Woche. Hier im Westen ist es so, dass der Buddhismus z.B. teilweise an den  Universitäten vermittelt wird. Schulklassen kommen meist im Rahmen des Religionsunterrichts in unser Zentrum, um somit etwas über den Buddhismus zu lernen. Buddhistisch erzogene Kinder gibt es bisher noch nicht sehr viele. Ich werde aber Gebete machen, dass es ein paar mehr werden. Ansonsten habe ich dazu ja schon gesagt, in welcher Form die Eltern auf ihre Kinder einwirken sollten, damit diese die Chance haben, sich der Religion zu nähern. Es ist heutzutage leider häufig so, dass die Religionen einen schweren Stand gegen die ganzen Einflüsse der Umgebung haben. Das, was aus diesem Kasten, dem Fernseher, kommt, ist sehr  attraktiv, farbenfroh, direkt wahrnehmbar und sehr aufregend. Was von der Religion kommt, kann man hingegen nicht gleich sehen, es hat im ersten Moment auch keine besonderen Farbe, und man kann nicht immer gleich wahrnehmen, worum es eigentlich geht. Deshalb ist es für die Kinder sehr schwer, sich dafür zu interessieren, wenn die Eltern ihnen nicht vermitteln, sich etwas mehr von den alltäglichen Einflüssen  fernzuhalten und etwas zur Ruhe zu kommen.

Frage: Werden Kindern  in buddhistischen Ländern Übungen wie Achtsamkeit, Konzentration und Meditation nahegebracht und wenn ja, ab welchem Alter, oder wartet man, bis ein junger Mensch selbst ein Bedürfnis nach diesen Fähigkeiten  entwickelt?

Antwort: In Indien beispielsweise ist es hinsichtlich der eben erwähnten äußeren Einflüsse noch nicht ganz so wie hier im Westen. In den Schulen bei den Tibetern werden die religiöse Erziehung und speziell auch die Übungen zum Erlernen bestimmter Fähigkeiten schon in gewissem Maße integriert. Es werden täglich Schulgebete beispielsweise an den Buddha der Weisheit rezitiert und bestimmte Übungen durchgeführt. Man muss jedoch davon ausgehen, dass nicht alle tibetischen Kinder in tibetischen Schulen unterrichtet werden, oft gehen sie auch in indische Schulen, wo es zu einer Vermischung der Kulturen  kommt und sie keine Möglichkeit haben, buddhistische Übungen zu erlernen. Zur Zeit besteht die Gefahr, dass die tibetische Kultur vollkommen untergeht, sowohl im eigenen Land durch die chinesische Besetzung als auch durch die Tatsache, dass die Tibeter auf viele Länder verstreut sind, so dass es schwer ist, die Kultur aufrechtzuerhalten. Deshalb bitten die Tibeter ja auch oft um Hilfe bei der Bewahrung ihrer  Kultur.

Frage: Wäre es wünschenswert, dass junge Menschen Konzentrations- oder Meditationsübungen durchführen, ohne selbst den Wunsch geäußert zu haben?

Antwort: Es wäre sicherlich wünschenswert, dass solche Übungen integriert werden, sei es eine  vollständige Meditationspraxis oder zumindest Ansatzpunkte in der Übung von Meditation oder Konzentration. In manchen Ländern werden solche Übungen auch schon ein wenig durchgeführt. In anderen Länder wiederum ist man aber schon so extrem auf die persönliche Freiheit ausgerichtet, dass es schwierig wird. Wenn die Kinder oder Jugendlichen in diesen Ländern nicht den Wunsch nach solchen Fähigkeiten haben, machen sie es eben nicht mit. Es müsste die Möglichkeit bestehen, den Kindern  Anweisungen zu geben, wie sie sich verhalten können.

Frage: Das  führt ja zu der Grundsatzfrage, ob man Kinder überhaupt religiös erziehen darf, oder ob man warten muss, bis die Kinder selbst entscheiden können, ob sie so erzogen werden wollen.

Antwort: Ich denke, dass man bis ins Alter von etwa achtzehn Jahren schon so etwas wie äußere  religiöse Erziehung braucht, da man noch nicht in der Lage ist, sich selbst zu erziehen. Deshalb bin ich darauf eingegangen, wie die Eltern und Lehrer als Vorbilder dienen können. Es ist schwer, sich auf ein bestimmtes Alter festzulegen. Es kommt auf die Reife des jungen Menschen und seine Umgebung an. Wenn man ein Alter von achtzehn Jahren erreicht hat, kann man sicher selbst die Verantwortung für seine religiöse  Erziehung übernehmen, vorher wird es für die meisten Jugendlichen sicherlich schwer sein.

Frage: Liegt diese Schwierigkeit, dass es dem Vortrag an Aussagen zur religiösen Erziehung mangelt, vielleicht daran, dass uns nicht stark genug bewusst ist, dass im Buddhismus sehr viel stärker auf die ethische Praxis Wert gelegt wird, während diese in  unserem Kulturkreis erst als Folge religiöser Erziehung resultiert?

Antwort: Die Grundlage, um solche Dinge, wie Nirvana oder Transzendenz zu erlangen, ist so etwas wie Ethik bzw. moralische Disziplin. Aber auch über die Ethik muss man zunächst etwas lernen, man muss das Wesen der Ethik und die verschiedenen Arten von Ethik kennenlernen und wissen, wie man sie anwendet. Frage: Wie ist der eigene Weg des Sichselbst- Formens nach buddhistischem Verständnis, und wie weit ist er in die  Gesellschaft hinein zu vermitteln?

Antwort: Es gehört zum Wesen des Geistes, dass er sich entwickeln kann, wenn man sich an bestimmte Denkweisen gewöhnt. So kann man sich beispielsweise an die Einstellung  des Mitgefühls gewöhnen, indem man darüber nachdenkt, dass das eigene Leben ständig von der Güte anderer Lebewesen abhängig ist, angefangen von der Zeit im Mutterleib wie auch später im Leben sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht. Dann wird sich der eigene Geist verändern und disziplinieren. Als Resultat wird stärkeres  Mitgefühl entstehen. Wenn man die Einstellung entwickelt, dass es gerechtfertigt ist, dass andere für das eigene Glück leiden, dann ist der Weg frei, anderen in vielerlei Hinsicht Schaden zuzufügen. Deshalb sollte man sich besser bewusst machen, dass eine solche Einstellung nicht gerechtfertigt ist, sondern man selbst wie auch die anderen gleichermaßen nach Glück streben und kein Leiden erfahren möchten. Man diszipliniert sich dadurch, dass man zunächst anfängt, anderen keinen groben Schaden zuzufügen und im weiteren immer subtilere Arten von Schädigungen anderer zu vermeiden.

Frage: Gibt es im Buddhismus  vergleichbare Institutionen wie im Islam, wie etwa Koran-Schulen, wo die Kinder die arabische Sprache lernen, um den Koran lesen zu können und  in denen die Inhalte des Korans oder das Ausüben einer bestimmten Gebetspraxis vermittelt werden?

Antwort: Im Buddhismus ist es  etwas komplizierter als in den meisten anderen Religionen. Es gibt zwar  die Worte des Buddha, die die Grundlage der Heiligen Schriften sind, aber diesen kann man sich nicht so einfach nähern, indem man sie nimmt und liest. Es gibt sehr viele Schriften und man wird sie häufig nicht gleich verstehen, nicht ohne die entsprechende reichhaltige Kommentarliteratur. Außer den Kommentaren indischer Gelehrter wurde später auch von den Tibetern noch sehr viel Kommentarwerk geleistet, um  noch besser zu verdeutlichen, auf welche Punkte es im wesentlichen ankommt. Für Kinder ist ein Studium dieser Schriften meist zu früh. Sie  lernen im allgemeinen erst einmal Gebete und Rezitationstexte.

Frage: Gibt es spezielle Rezitationstexte für Kinder?

Antwort: Es gibt einerseits Gebete, die jedermann rezitieren kann, Kinder und  Erwachsene. Mit zunehmendem Alter wächst man dann weiter in die Religion hinein, man bekommt bestimmte Initiationen und damit verbundene  Rezitations- bzw. Meditationstexte, die wesentlich tiefgründiger sind  und von Kindern noch nicht geübt werden können.

Frage: Man hat das Gefühl, als ob es im Buddhismus überhaupt nicht vorgesehen ist,  Kindern das Thema Religion didaktisch aufgearbeitet im Konzept zu vermitteln, wie man es beispielsweise vom Christentum her kennt.

Antwort: Diese Bemühungen beginnen gerade jetzt erst. Wir sind sozusagen noch in einem Zwischenstadium, wo der Buddhismus in den Westen kommt. Wir  bereiten beispielsweise einige Broschüren vor, in denen die typischen  Fragen der Schüler hierzulande beantwortet werden, und diese wollen wir dann in den Schulen verteilen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit im Zentrum liegt aber in der Arbeit mit Erwachsenen. Das liegt schon deshalb nahe, weil diejenigen, die Zuflucht nehmen und somit Buddhist werden, schon älter sind. Die Kinder wachsen zwar, etwa durch die Eltern, in die Religion hinein, wirklich ernsthafte Buddhisten werden sie aber erst, wenn sie älter sind. Die Taufe, wie im Christentum, gibt es in diesem Sinne im Buddhismus nicht. Letztendlich werden auch hier im Westen vergleichbare Methoden zur didaktisch aufgearbeiteten Vermittlung von  Religion entwickelt, wenn mehr und mehr Kinder kommen und dieser Wunsch  geäußert wird. In Tibet selber liegt der Schwerpunkt der religiösen Erziehung, wie schon angedeutet, auf dem Besuch von Tempeln, der Verehrung der Buddhas, dem Umwandeln von Stupas und dem Auswendiglernen und Rezitieren von Gebeten und Mantras. Das sind alles sehr  grundsätzliche religiöse Tätigkeiten, die aber alle sehr hilfreich sind  für den Geist. Später im Kloster findet dann eine sehr ausgefeilte genaue Vermittlung der Religion an die Schüler statt.
Das Wichtigste, auf das ich in meinem Vortrag hinweisen wollte, ist das Vorbild der Eltern, die lebendige Praxis der Erziehenden. Wenn die Eltern gute, religiöse Menschen sind, dann werden sie das den Kindern in jeder Lebenssituation zeigen, und die Kinder werden es übernehmen. Führen die  Eltern hingegen ein nachlässiges, träges Leben, kann man nicht von religiöser Erziehung sprechen. Wenn die Eltern also die Tugenden, die ich ansprach, entwickeln und aufpassen, dass die negativen Einflüsse keinen zu großen Einfluss haben, dann findet somit bereits eine religiöse Erziehung statt.

Nach einer mündlichen Übersetzung aus dem Tibetischen von Oliver Petersen, Artikel erschienen in der Zeitschrift “Tibet und Buddhismus” Heft 27, 1993.
Quelle: Tibetisches Zentrum

 

 

 

 

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