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Der Elefant, der vor Angst wie Espenlaub zitterte

 

Elefant, Bild: Abdul GuguAm Fuß der mächtigen Himalayaberge, dort wo die Hügel noch sanft geschwungen sind und grüne Wälder sie bedecken, wurde der Buddha einmal als Baumgeist geboren.

Weit davon entfernt wurde an einem Königshof in Indien der Elefant des Königs dazu abgerichtet, vollkommen reglos zu stehen.

Die königliche Elefantentreiber hatten sich dafür eine grausame Methode ausgedacht: Sie banden den Elefanten an einem Pfosten so fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Mit Schlagstöcken, an denen spitze Stacheln befestigt waren, wurde er jedes Mal geschlagen, wenn er sich auch nur ein winzig kleines bisschen rührte. Schon ein feines Zittern in den Flanken des Elefanten genügte, und die Elefantentreiber schlugen ihn.

Elefant, Bild: Abdul Gugu

 

Den Schmerz, den er dabei fühlte, konnte der Elefant nicht länger ertragen. Aber genauso unmöglich war es für ihn, vollkommen still zu stehen. Deshalb nahm er alle seine Kraft zusammen, riss sich von dem Pfahl los, trompetete laut wie zwanzig Elefanten auf einmal und trat wild um sich. Die Elefantentreiber flohen vor ihm in panischer Angst.

 

 

 

Elefant, Bild: Abdul GuguDer Elefant wandte sich in Richtung der Himalayaberge und rannte davon. Die Menschen verfolgten ihn zwar, verloren aber seine Spuren in dichten Urwald. Alles Suchen und Rufen half nichts, sie konnten ihn nicht aufspüren.

Der Elefant lebte allein in den Bergen und litt unter ständiger Todesangst. Wenn sich auch nur irgendwo ein Blättchen im Wind regte, sah er schon die Elefantentreiber vor sich und sein Herz begann wie wild zu schlagen. In solchen Augenblicken rannte er, so schnell er konnte, die Hügel hinauf. Er blieb erst stehen, wenn er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

 

Elefant, Bild: Abdul Gugu

 

 

Die Angst steckte ihm tief in den Knochen. Jede Nacht träumte er davon, an dem Pfosten festgebunden zu sein und geschlagen zu werden. Alle Fröhlichkeit war von ihm gewichen. Mit gehetztem Blick lief er durch den Dschungel. Dauernd wanderte er umher. Nie ruhte er sich aus, denn er hatte ständig das Gefühl von den Elefantentreibern verfolgt zu werden.

 

 

 

Elefant, Bild: Abdul GuguDer Baumgeist, der ihn schon längere Zeit beobachtet hatte, stellte sich auf eine Baumgabel und rief: „He, du! Elefant! Hör mir zu!“

Wie von einer Tarantel gestochen rannte der Elefant los, voller Angst, dass die Elefantentreiber ihn aufgespürt hätten.

„Bleib doch stehen!“, rief der Baumgeist freundlich. „Ich will dir nichts tun! Ich will nur mit dir über deine Angst sprechen!“

Der Elefant rannte langsamer. Die Stimme, die ihn rief, klang freundlich. Schließlich blieb er stehen und drehte sich um.

„Hier bin ich!“, rief der Baumgeist, „hier auf dem Baum!“

Der Elefant zwinkerte mit den Augen, denn die Sonne blendete ihn. Aufmerksam suchte er die Bäume ab, um herauszufinden, woher die Stimme gekommen war. Endlich entdeckte er den Baumgeist, der auf einer Astgabel stand und ihm winkte.

„Ein Baumgeist ruft mich?“, wunderte sich der Elefant. „Der wird mir wohl nichts tun können!“ Erleichtert trottete er zu dem Baum, wo der Baumgeist auf ihn wartete.

„Willst du ständig in Angst und Schrecken leben? Willst du zusammenzucken, nur wenn der Wind durch die dürren Zweige streicht? Wenn das so bleibt, dann wirst du bald völlig fertig sein!“

Der Elefant stellte seine riesigen Ohren auf. Der Baumgeist hatte Recht. Beim kleinsten Geräusch zuckte er zusammen und rannte weg. Dass ihm das jemand sagte, traf ihn mitten ins Herz, denn es war die Wahrheit.

„Aber was soll ich denn tun?“, jammerte der Elefant und senkte traurig den Kopf.

„Du musst einsehen, dass die Zeit, in der du an einem Pfahl festgebunden warst und mit einem Stock geschlagen wurdest, vorbei ist!“, ermahnte ihn der Baumgeist.

„Du meinst, das hilft?“, unsicher sah der Elefant den Baumgeist an.

„Natürlich! Du brauchst nicht mehr zu tun, als zu verstehen, dass die Vergangenheit aus und vorbei ist. Schau dich doch einfach mal um: Siehst du hier einen Pfahl, einen Stock oder einen Elefantentreiber?“

Elefant, Bild: Abdul GuguDer Elefant sah sich um und konnte nur herrlich grüne Bäume sehen, in denen sich Papageien niedergelassen hatten, und duftende Blumen, die zwischen saftigen Grashalmen blühten. Weit und breit waren keine Elefantentreiber zu sehen.

„Und was siehst du?“

„Wunderschöne Bäume und Blumen und bunte Papageien und vor mir in der Astgabel einen Baumgeist“, antwortet der Elefant wahrheitsgemäß.

„Will dich hier jemand schlagen?“ Der Baumgeist richtete sich groß auf.

„Nein. Da ist niemand, der mich schlagen will!“ Erleichtert sank der Elefant ins Gras und machte es sich gemütlich. Seine Anspannung wich nach und nach von ihm.

„Da ist nicht mal jemand, der dich schlagen könnte!“ Der Baumgeist tauchte plötzlich in einer anderen Astgabel auf.

„Denn du bist groß und stark. Die anderen Tiere gehen dir eher aus dem Weg. Die Menschen können dich nicht fangen, du bist viel schneller als sie!“

Es war, als ob der Elefant aus einem Schockzustand aufwachte, der ihn an die Vergangenheit gekettet hatte.

Von da an hatte er keine Angst mehr. Glücklich trottete er zurück in den dichten Dschungel und lebte dort froh und zufrieden.

Nacherzählt von Andrea Liebers, Bilder von Abdul Gugu

 

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